Schärpen, Bier und Basisdemokratie

Studentische Verbindungen sind immer noch oder schon wieder beliebt.

“Zimmer in Sport-WG zu vermieten.” Veronika Voigt suchte gerade eine Bude, als sie die Anzeige entdeckte. Die Architektur-Studentin rief an und erfuhr, daß die Akademische Turnverbindung Westmark zu Münster dahinter steckte. Eine Verbindung? Die 2l-jährige beschloß: ,,Die guck‘ ich mir mal an.” Auch Dennis Farwick packte die Neugier, als er Mitglieder der Turnverbindung auf einer Party kennenlernte. ,,Zunächst war ich skeptisch, doch dann wurde ich positiv überrascht”, erzählt der 21jährige. Denn von Schlipsträgern, Schärpen und Narben auf den Backen fehlt bei den Turnern jede Spur.
Vielmehr treffen sich im Haus an der Burchardstraße ganz normale Studenten und Studentinnen (!), die einfach gern gemeinsam Sport treiben: Basketball, Tischtennis, Volleyball und so weiter.

Die ersten studentischen Verbindungen wurden im 18. Jahrhundert gegründet. Von den Idealen der Französischen Revolution begeistert, setzten sich die Studenten – damals waren es nur Männer – für die Einheit des Deutschen Reiches und für die Gewährung freiheitlicher Grundrechte ein. Sie wandten sich gegen die Restauration, die unter der Federführung Metternichs 1814 auf dem Wiener Kongreß eingeleitet wurde und zum Ziel hatte, den Zustand der europäischen Ordnung vor Ausbruch der Französischen Revolution wiederherzustellen. Wer diese Politik öffentlich kritisierte, wurde verfolgt. Kein Wunder, daß auch die studentischen Verbindungen verboten wurden. Doch statt sich aufzulösen, gaben sich ihre Mitglieder Pseudonyme, um nicht erkannt zu werden. Und das tun sie bis heute. Wenn nach einem Jahr Probezeit aus dem ,,Fux” oder der ,,Fee” ein vollwertiges Mitglied der Verbindung (Bursche) wird, gibt‘s bei der ,,Taufe” einen zusätzlichen Namen, den sich die anderen ausdenken.
Die Ökotrophologie-Studentin Nadine zum Beispiel heißt ,,Sanella”, der Lehramtsstudent Holger hat den Namen ,,Quassel” bekommen, und der BWL-Student Carsten wird ,,Speedy” gerufen. Vor den Namen wird ein kleines ,,v.” gesetzt, das für ,,vocatus” (= genannt) steht. Ebenso ist es Tradition, nach Abschluß des Studiums in den Kreis der ,,Alten Herren” aufgenommen zu werden, übrigens auch als Frau.

Auch andere Traditionen haben sich bis heute in allen Verbindungen gehalten – zum Beispiel das Stiftungsfest, ein feierliches Treffen aller Burschen und Alten Herren, oder die ,,Studentische Kneipe”: Sie besteht aus einem ernsten offiziellen Teil (Offiz) mit Vorträgen des Vorstandes und einem lustigen inoffiziellen Teil (Inoffiz), wo Füxse und Feen die Burschen auf den Arm nehmen können. ,,Und zum Schluß”, lacht Holger Federhenn (27), ,,wird die Kneipe unter den Tisch geschlagen, das heißt, alle trinken ihr letztes Bier unterm Tisch.” Obwohl Traditionen wie diese in allen Verbindungen gepflegt werden, unterscheidet man zwei Hauptrichtungen: die farbentragenden, teilweise noch schlagenden Verbindungen auf der einen Seite und diejenigen, die das sogenannte ,,schwarze Prinzip” verfolgen, auf der anderen Seite. Letztere sind weder farbentragend noch schlagend. Sie entstanden ab 1840 als Gegenbewegung zu den Burschenschaften, weil sie Waffen ablehnten und sich breiteren gesellschaftlichen Gruppen öffnen wollten. Vor diesem Hintergrund wurden Turnverbindungen und musische Verbindungen wie der Akademisch Musische Bund Ingvaeonia zu Münster gegründet. Während die Hobby-SportlerInnen in der Burchardstraße regelmäßig in ihre Turnschuhe schlüpfen und Wettkämpfe veranstalten, machen die HobbyMusikerlnnen an der Wehrstraße gemeinsam Rock-, Jazz- und klassische Musik – mal nur so für sich; mal für die ,,Alten Herren“, mal ganz öffentlich. Ausflüge in andere Städte zu Partnerverbindungen gehören ebenfalls zum festen Programm. Doch reicht all das, um in eine Verbindung einzutreten? »Es ist einfach die tolle Gemeinschaft”,. sagt Karen B. (21) vom musischen Bund: ,,Man ist nicht allein, es ist immer was los, und man bat viel Spaß.” Und Dirk Maczkiewitz (27) von der Turnverbindung meint: ,,Mir gefällt das Lebensbundprinzip. Man verliert sich nicht aus den Augen, steht immer füreinander ein.“ Für Dirk Federhenn sind Verbindungen eine Art Gegenentwurf zur übrigen Gesellschaft: „Überall ist Individualismus angesagt. Jeder denkt nur an sich. Hier dagegen halten alle zusammen, und jeder ist für den anderen verantwortlich.” Stefanie Kumbrink (25) denkt ähnlich: “Ich finde es wichtig, auch nachfolgenden Semestern die Möglichkeit zu bieten, günstig zu wohnen und an vielen Aktivitäten teilzunehmen.” Und was sagen die StudienkollegInnen? ,,Man wird erst mal schief angeguckt, wenn man sagt, daß man in einer Verbindung ist”, hat Karen Berkemeier festgestellt. ,,Die meisten denken, Verbindungen seien nationalistische militärische, frauenfeindliche Vereinigungen, die der Zeit hinterherhinken. Doch daß es so nicht sein muß, sieht man bei uns.” Und wie. steht‘s heute mit der Politik? ,,Wir verstehen uns basisdemokratisch”, sagt Dirk Maczkiewitz: ,,Und den Patriotismus aus dem vergangenen Jahrhundert sehen wir heute in einem europäischen Kontext.”

Susanne Tommes in taz-münster, Nr. 13, Juni 1999, Seite 12