Geschichte der ATV Westmark zu Münster

Ursprung und Anfänge der ATV

Die Ursprünge der akademischen Turnvereine und Verbindungen liegen in der Zeit der napoleonischen Befreiungskriege (1810-1813). Damals schlossen sich überall in Deutschland Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft, Bildung und politischer Überzeugung zusammen, um gegen die Vorherrschaft Napoleons in Deutschland und in ganz Europa zu kämpfen. Eine besondere Rolle spielte hierbei die 1813 in Jena gegründete Ur-Burschenschaft. Ihr gehörten neben, oft noch studierenden, jungen Männern (Burschen), auch ältere, vornehmlich liberal gesinnte Persönlichkeiten wie etwa Ernst Moritz Arndt (1769-1860) und Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) an. Sie bekämpften das Frankreich Napoleons freilich weniger, um den alten Fürsten und Königen wieder auf ihre absolutistischen Throne zu helfen, als vielmehr, um die Freiheit und Einheit Deutschland zu erringen. Damit befand sich die Ur-Burschenschaft in strikter Opposition zu den herrschenden Kräften und wurden von dieser nach dem Wiener Kongress und der Gründung des Deutschen Bundes prompt verboten. Aber auch innerhalb der Ur-Burschenschaft kam es zu Spannungen. Während sich die einen als Burschenschaften konstituierten und als geschlossene Bünde von Studenten den Kampf aufnahmen, suchten die anderen ein breites Bündnis mit möglichst vielen gesellschaftlichen Gruppen. Treffpunkt dieser meist jungen Menschen waren Turnvereine, die nicht nur als Tarnung gegenüber der misstrauischen Obrigkeit fungierten, sondern auch Stätten körperlicher Ertüchtigung waren. Friedrich Ludwig Jahn sah in ihnen die Möglichkeit, nach französischem Vorbild eine militärisch geschulte, sowie national und freiheitlich gesinnte Jugend heranzuziehen. Diese aus der Sicht des 19. Jahrhunderts moderne Idee brachte ihn zunächst mehrere Jahre (1819- 1826) ins Gefängnis und 1848 in die Frankfurter Nationalversammlung. Erst mit der vorsichtigen Liberalisierung der 1850er und 1860er Jahre, die sich an die Niederschlagung der 1848er Revolution anschloss, war es möglich, sich offen zu den Idealen F. L. Jahns zu bekennen. Um 1860 wurden die ersten akademischen Turnvereine an den Universitäten Jena (1858) Berlin (1860) und Graz (1864) gegründet. In den nächsten Jahren

folgten an vielen deutschen Universitäten Studenten diesem Vorbild und es kam zur Gründung zahlreicher weiterer Turnvereine und Verbindungen (kurz: ATVen). Im Gegensatz zu anderen akademischen Korporationen verstanden sich die ATVen nie als geschlossene Gruppe, sondern bemühten sich stets um Kontakte mit anderen Gruppen und Vereinen. Die Mensur und das Tragen von Farben wurden in diesem Sinne als Ausdruck eines falschen Standesdünkels abgelehnt. 1883 schlossen sich die bis dahin gegründeten ATVen auf der Schweizer Höhe in Jena zum Akademischen Turnbund (ATB) zusammen.

Die ATV Westmark im Kaiserreich

Mit der Errichtung einer Volluniversität in Münster im Jahre 1902 kam es auch hier zur Gründung eines Akademischen Turnvereines. Die Initiative zur Gründung ging hierbei noch im selben Jahr von Münchener Bundesbrüdern der ATV Germania aus, deren Verbindungsfarben (rot-weiß-gold) bis zum heutigen Tage auch die der Münsterschen ATV sind. Als Name wurde, dem damaligen martialischem Sprachgebrauch folgend, der Begriff “Westmark” gewählt, um damit auf die Lage Münsters an der Westgrenze des Deutschen Reiches anzuspielen. Zum Wahlspruch machte man – nicht zuletzt zum Gedenken an die deutsche Jugend, die gegen Napoleon gekämpft hatte- die Worte “Ehre – Freiheit – Vaterland”. Am 25. November 1905 wurde aus dem Turnverein eine Turnverbindung. Eine inhaltliche Neuorientierung war hiermit nicht verbunden, sondern lediglich eine Anpassung an die im Münster der Kaiserzeit übliche Bezeichnung für studentische Organisationen. In den folgenden Jahren nahm die ATV Westmark einen regen Aufschwung bis das Verbindungsleben durch den Ausbruch des I. Weltkrieges fast vollständig zum Erliegen kam. Während der vier Jahre des Krieges kämpften und starben Westmärker zusammen mit ihren Kameraden an nahezu allen Kriegsschauplätzen. So groß die Begeisterung beim Ausbruch des Krieges gewesen war, so groß war die Enttäuschung an seinem Ende.

Weimarer Republik und NS-Zeit

Wie die meisten Deutschen waren auch die studentischen Korporationen – und mit ihnen der ATB und die ATV Westmark – von der Niederlage des Reiches und der Revolution des Jahres 1918 überrascht worden. Es wurde nach Gründen und Verantwortlichen für dieses als nationale Schmach empfundene “Novemberverbrechen” gesucht. Man wollte nicht wahrhaben, dass die vielen Bundesbrüder, die in den Jahren 1914 – 18 gefallen, waren, von einer verantwortungslosen Militärführung in den sicheren Tod geschickt worden waren, und witterte Verrat in den eigenen Reihen. Revanchismus und leider auch Antisemitismus wurden zu Leitbildern einer ganzen, verlorenen Generation und machten auch vor dem ATB nicht halt. Ihren Höhepunkt erlebte diese Politik auf dem ATB-Tag 1925 in Allenstein. Lautstark wurden die Bedingungen des Versailler Vertrages und die Weimarer Republik kritisiert und man beschloss, dass nur “Angehörige deutschen Blutes” ATBer seien könnten. Im Gegensatz zu anderen Korporationen und Vereinen fasste der ATB jedoch nie den ausdrücklichen Beschluss, Juden nicht mehr aufzunehmen, und es gab in zahlreichen Bundeskorporationen jüdische Verbindungsbrüder. Selbst zu einer Zeit, als an vielen Hochschulen der ASTA bereits von den Nationalsozialisten kontrolliert wurde, hielt der ATB an seinem Beschluss fest, Mitglieder des NSdStB (Nationalsozialistischer Deutscher Studentenbund) nicht aufzunehmen. Auch nach dem Regierungsantritt der Nationalsozialisten im Jahre 1933 wahrte der ATB, wie viele andere Verbindungsdachverbände, eine kritische Distanz zum Nationalsozialismus, was 1935 schließlich zur Zwangsauflösung aller Verbindungen führte.

Trotz dieser schwierigen Rahmenbedingungen erlebte die ATV Westmark in der Zwischenkriegszeit eine durchweg positive Entwicklung. Das 1914 praktisch zum Erliegen gekommene Verbindungsleben konnte nach dem Ende des Krieges rasch wieder aufgenommen werden. In einer Zeit, in der sich der Staat – von weitergehenden Leistungen ganz zu schweigen – nicht einmal dazu in der Lage sah, Studenwohnheime oder Mensen zu errichten, fühlten sich viele Studenten in der Solidargemeinschaft einer Verbindung heimisch. Hinzu kam bei der ATV Westmark die Möglichkeit, Sport zu treiben und hierdurch einen Ausgleich zum oftmals tristen Studentenalltag der angeblich goldenen Zwanziger zu finden. Ende der zwanziger Jahre erwarb die ATV sogar ein eigenes Bootshaus, das in den Wirren des II. Weltkrieges jedoch verloren ging. Zuvor hatte jedoch bereits die Westmark selber in jähes Ende gefunden. Wie alle anderen Korporationen wurde sie im Jahre 1935 ein Opfer der Zwangsauflösung.

Aufgegeben wurde der Verbindungsgedanke unter den ehemaligen Mitgliedern aber nicht. Auch während der 12jährigen Terrorherrschaft, in der man sich – wie fast alle Deutschen – von der Melange aus “Verführung und Gewalt” blenden ließ, erlosch nie der Kontakt unter den einzelnen Westmärkern.

Die Nachkriegszeit

Nach dem Ende des Krieges und der Befreiung vom NS-Regime kam es daher auch schnell zu einer Wiederbelebung der ATV. Bereits 1945 wurde ein Akademischen Sportclub (ASC) gegründet, dem selbst von der – verbindungskritischen – britischen Militärregierung “all success” gewünscht wurde. Am 29. April 1950 schloss sich der ASC Münster mit den Ehemaligen der 1935 zwangsaufgelösten Westmark zusammen und nennt sich seit dem wieder ATV Westmark. Der Wiederaufstieg der Westmark nahm in den 50er Jahren einen rasanten Lauf. Innerhalb weniger Jahre wurde man zu einer der mitgliedstärksten Verbindungen des ATBs und stellte für ihn 1952/53 den Vorort (d.h. den Bundesvorsitz). Im Wintersemester 1961/62 konnte die ATV ihr neu erworbenes Verbindungshaus in der Burchardstraße 24 beziehen. Trotz dieses hoffnungsvollen Beginns konnten die 60er jedoch nicht an das vorangegangene Jahrzehnt anknüpfen. Der Wandel der Gesellschaft und die heraufziehenden Studentenproteste forderten auch von der Westmark ihren Tribut. Die einstmals als Avantgarde angetretenen Studentenverbindungen mussten sich nun die Frage gefallen lassen, ob sie noch zeitgemäß seien. Die Diskussion dieser Probleme und die Suche nach einem Mittelweg zwischen überkommener Tradition und modernen Umgangsformen führten zu schweren internen Konflikten. Ihren Höhepunkt erlebte diese Auseinandersetzung im Jahre 1969, als die gesamte Aktivitas der ATV suspendiert wurde. Zugleich wurde hier aber auch der Grundstein für einen Neuaufbau der ATV gelegt. Alte, vermeintlich überkommene, Traditionen und Werte wurden neu gewichtet und gegebenenfalls aufgegeben. Nicht aufgegeben wurde hingegen der Gedanke der lebenslangen, verbindenden Freundschaft unter den einzelnen Verbindungsbrüdern und die Verpflichtung zu einer sportlichen Betätigung im Sinne F. L. Jahns. Die steigenden Mitgliederzahlen der Westmark und das Engagement der neuen Verbindungsbrüder zeigten rasch, dass der Verbindungsgedanke nach wie vor für Studenten attraktiv sein konnte. In den folgenden Jahren brachte sich die wiedererstarkte ATV zunehmend in den ATB ein, wo sie zwischen 1972 und 1982 insgesamt dreimal den Vorort stellte. Mit Beginn der 80er Jahre steuerte der Konflikt zwischen Tradition und Moderne mit der sogenannten Damenfrage auf seinen Höhepunkt zu. Die Frage, ob auch Studentinnen als vollberechtigte Mitglieder am Verbindungsleben teilnehmen können, drohten die ATV und den ATB zu spalten. 1984 erhielt die Westmark zusammen mit einigen anderen Verbindungen die Erlaubnis “probeweise” auch Frauen aufzunehmen. Seit 1992 stellt der ATB seinen Mitgliedsverbindungen die Aufnahme von Studentinnen frei.

Die Gegenwart

Mit dieser weitgehenden Öffnung auf der einen Seite, setzte auf der anderen Seite eine Renaissance alter Traditionen und Rituale ein. Fast vergessen geglaubte Zeremonien wie die Fuxentaufe, die feierliche Burschung oder aber der Kommers wurden nicht nur wieder eingeführt, sondern zu einem festen Bestandteil des Verbindungslebens. Man sieht heute hierin die Möglichkeit, trotz aller notwendigen Öffnungen und Anpassungen nicht einfach nur dem Zeitgeist hinterherzurufen, sondern weiterhin an den Grundsätzen J. F. Jahns festzuhalten. Das Bekenntnis zu einer liberalen Gesellschaft und der Versuch, hierzu durch das Verbindungsleben und den gemeinsamen Sport beizutragen, sind für die ATV Westmark und den ATB nach wie vor wichtiger als irgendwelche Äußerlichkeiten. Dass diese Worte auch heute noch mehr sind als pathetische Phrasen, zeigen die Mitgliederzahlen der ATV. Zurzeit sind etwa 25 Studenten und Studentinnen und über 100 Alte Damen und Alte Herren in der Westmark aktiv. Auch innerhalb des ATBs zeigt die jetzige ATV eine rege Beteiligung. So war sie im dortigen Satzungsauschuss vertreten und stellte im akademischen Jahr 1997/98 den stellvertretenden Bundesvorsitzenden und 2001 den Vorort (Bundesvorsitz). In Münster genau wie im ATB erfreut sich unser Basketballturnier, der Westmark-Cup wachsender Beliebtheit (100 Teilnehmer sind längst keine Grenze mehr).

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